Orgelexkursion

Orgelexkursion zur Orgelbaufirma Weimbs nach Hellenthal

9.3.2019


Wo die Königin der Instrumente geboren wird – Besuch in der OrgelwerkstattWeimbs

St. Gertrud soll eine „neue“ Orgel bekommen. Dass es keine wirklich neue, aber doch eine ziemlich andere,  modernere Orgel sein wird, hat Kantor Christoph Ritter im letzten MAGazin anschaulich beschrieben. So ein  Vorhaben macht Musikfreunde neugierig, und so fuhren am 9. März etwa 60 Menschen aller Altersgruppen  mit dem Bus nach Hellenthal in der Eifel. Dort ist die Heimat von Orgelbau Weimbs, der Werkstatt, die den Umbau der Orgel geplant hat und auch ausführen soll. Es war ein spannender, sehr lohnender Besuch.
Auf dem Hof des Betriebs, zwischen Holzlager, Gießerei und Werkstattgebäuden, begrüßten uns Frank Weimbs und sein Vater Friedbert Weimbs. Sie leiten das Familienunternehmen inzwischen in der vierten Generation.  Werkstattführungen sind für beide eigentlich nichts Besonderes; so viele Besucher gleichzeitig wie diesmal hat  man hier noch nicht gesehen. Vorbereitet war alles perfekt: Nach einer kurzen Einleitung führten Vater und  Sohn in Gruppen durch die Räume, zeigten, erklärten, erzählten, beantworteten die vielen Fragen – und ließen  dann Kinder, Erwachsene, Senioren selbst auf Entdeckungsreise gehen. Und für Kaffee und Getränke war auch  gesorgt.
Zu sehen und zu lernen gab es viel. Orgelbau ist ein Handwerk, aber ein besonderes; es ist nicht nur kunstvoll,  sondern verlangt unglaublich viele verschiedene Fertigkeiten. Bearbeitung von Holz und Metall, Kunststoff,  Feinmechanik, Elektroarbeiten, akustisches Wissen, ein gutes Gehör, historische Kenntnis, Verständnis für Architektur und Kunstgeschichte – und hier ist noch nicht alles. Zum Beispiel müssen Orgelbauer auch schwindelfrei sein, wenn es bei der Montage hoch hinaus geht.
Drei Werkstatträume hat das Hauptgebäude, den „Bankraum“, den „Maschinenraum“ und die Montagehalle.  Daneben gibt es noch kleinere Räume mit Material, Sozialräume und Büros. Der „Bankraum“ ähnelt am ehesten einer traditionellen Tischlerwerkstatt. Hier stehen einige Werkbänke, hier wird noch „leise“ gearbeitet, hier halten sich die Mitarbeiter gerne auf, wie Frank Weimbs erzählt. Daneben liegt der Maschinenraum. Laut  geht es hier zu, „Mickymäuse“, große Ohrenschützer, gehören zur Sicherheitsausrüstung dazu. Hobelmaschinen, Sägen und ähnliches prägen das Bild, aber auch eine computergesteuerte CNC- Maschine; die hatte zunächst bei Kollegen für Kopfschütteln gesorgt: Orgelbau und so ein Ding? Das passt nicht. Inzwischen will niemand mehr die Maschine missen, sie erledigt viele schwierige Aufgaben mit großer Präzision – immer natürlich  unter dem Kommando eines Orgelbauers. Die Montagehalle ist der größte Raum; hier werden die Instrumente  zusammengebaut, bevor sie – dann wieder in Einzelteilen – auf die Reise an ihr Ziel in Tokio, in Norwegen, in die Niederlande, nach Düsseldorf oder in die Eifel gehen. Im März stand dort die Orgel für eine christliche  Schule in Tokio, mit dem ganzen Gehäuse, allen Pfeifen, dem Spieltisch und großen Teilen des Innenlebens.  Und mit der Möglichkeit, hochzusteigen und einen Blick ins Innere zu werfen, dieses verwirrend geordnete Chaos von Holz und Metall.
In einem anderen Gebäude befindet sich die Gießerei. Kleinere Pfeifen aus Metall stellt Weimbs selbst her; die  großen werden von Spezialisten in Portugal gefertigt. Zwei Mitarbeiter hatten den sonst freien Samstag geopfert und führten vor, wie das Grundmaterial dafür entsteht. Eine je nach Pfeifentyp unterschiedliche Mischung  aus Blei und Zink wird flüssig gemacht. Ist die richtige Temperatur erreicht, fließt das Metall durch einen Trichter auf ein hitzefestes Band und breitet sich dort aus. Vom Gießer muss das Band sehr gefühlvoll gezogen  werden, damit eine gleich starke Schicht entsteht. Das Material kühlt recht schnell ab, und man erhält eine  lange Platte, die relativ weich ist. Davon werden kleinere Platten geschnitten, die auf einer Hobelmaschine auf  die richtige Stärke gebracht und poliert werden. Davon wiederum schneidet man passende Teile, die dann  längs gerollt und zur Orgelpfeife gelötet werden – eine Arbeit für Menschen mit viel Feingefühl. Das ist die Probe, bei der sich oft entscheidet, ob die Gesellenprüfung bestanden wird oder nicht. 16 Mitarbeiter hat Weimbs: 5 Orgelbaumeister, 1 Tischlermeister, Gesellen, 2 Auszubildende und Kräfte im Büro.
In der Werkstatt sind in der Regel neben den Azubis vier Orgelbauer; die anderen sind unterwegs und reparieren, pflegen, stimmen, setzen Orgeln vor Ort instand. Eine neue Orgel pro Jahr entsteht in der Werkstatt.
Wenn sie fertig ist, geht sie mit den Handwerkern, die sie gebaut haben, auf die Reise. Die Montage vor Ort  kann auch schon mal ein Vierteljahr dauern. Das hält einen begeisterten Orgelbau-Lehrling aber nicht davon  ab, mit nach Japan zu gehen, auch wenn man die Freunde wochenlang nicht sieht (dafür gibts ja heute WhatsApp). Ein Zeichen dafür, dass das Klima bei Weimbs stimmt und sich alle für ihr Werk, ihre Orgeln, verantwortlich fühlen. Beim Rundgang erfuhr man dann auch, was Zungen- und Labialpfeifen sind, was „gedackt“ bedeutet, wie viel  Winddruck eine Orgel braucht und wie die Tastenbewegung zur Pfeife weitergeleitet wird. Auch spezielle Fragen, zum Beispiel zu den geplanten Umbauten an der Orgel für St. Gertrud, wurden geduldig und ausführlich  beantwortet. Und nebenbei erfuhr man auch, wie man die Europäische Union davor bewahren kann, beim Umwelt- und Arbeitsschutz versehentlich dem immateriellen Weltkulturerbe Orgelbau den Garaus zu machen. Nach drei Stunden voller Eindrücke ging es dann mit dem Bus noch zur Burg Vogelsang. Dort reichte die Zeit  noch für einen Kaffee oder einen Imbiss und den Austausch über das Erlebte. Zuhause in Eller gibt es jetzt 60  Menschen, die voller Spannung und mit großem Interesse der „neuen“ Orgel entgegenfiebern.
Text: Klaus-Peter Schaar